Wahrnehmen vor Interpretieren

Im Rahmen eines längeren Paarcoachingprozesses kommt häufiger ein Ehemann zu mir ins Coaching. In vielen harmlosen Situationen hat er eine aufbrausende Art und reagiert sehr emotional. Machen z.B. andere Verkehrsteilnehmer einen Fahrfehler oder sind unachtsam, kann es schon mal vorkommen, dass er ihnen nachfährt, sie abfängt, aus dem Auto holt und drohend zur Rede stellt.  Was passiert da?

Mein Klient interpretiert ohne Nachzudenken das Verhalten des anderen als Angriff auf seinen Selbstwert. Er interpretiert das Fahrmanöver als persönliche Kränkung und Ehrabschneidung. Das ist ein Kurzschluss-Gedanke (Ich werde bedroht!), der eine Kurzschluss-Reaktion (Ich greife an!) hervorruft.

In solch´ einer Situation ist es hilfreich, die reine Wahrnehmung von der Interpretation bzw. Bewertung zu trennen. Die reine Wahrnehmung wäre z.B.: Da ist jemand anderes bei erhöhter Geschwindigkeit ziemlich nahe an mein Auto herangefahren. In Schritt 2 kann man nun das Gefühl erforschen, das das bei einem selbst auslöst: Ich hatte Angst. Ich habe mich hilflos gefühlt. Dann bin ich wütend geworden.

Es wird klar, dass die Situation zwar ein unangenehmes Gefühl produziert hat, aber keine absichtliche persönliche Bedrohung vorlag. Während die unmittelbare Interpretation der Situation in eine automatische Reaktion mündet (Angriff ist die beste Verteidigung!) geben uns die beiden Etappen „Wahrnehmen“ und „Gefühl erforschen“ die Möglichkeit, eine andere, besser passende Reaktion zu haben: Achselzuckendes Kopfschütteln: Der hat´s wohl eilig…,  Puh, da ist mir aber mulmig geworden… Mensch, der Kerl hat aber ein ziemlich chaotisches Fahrverhalten…! Du meine Güte, hier muss man ja für die anderen mitbremsen…!

In dem Moment, wo mein Klient klar erkannt hat, dass seine Ehre, sein Selbstwert und seine Würde nie auf dem Spiel gestanden haben, konnte er leicht andere Verhaltensweisen in dieser und vielen anderen Situationen finden.

 

Mein Tipp: Diese beiden Schritte sind Teil der 4 Schritte der „Gewaltfreien Kommunikation“. Es ist lohnenswert, sie immer wieder bewusst zu vollziehen, mit dem Ziel, immer leichter eine angemessene Reaktion zu finden.